Lebenskampf auf Norwegisch
Karl Ove Knausgård “Sterben”/”Min kamp I”
Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård hält mit seinem sechsbändigen Werk über sein Leben die nordische Literaturszene seit Jahren in Atem. Während in Norwegen am 16. November der sechste Band des umfassenden Werkes erscheint, dürfen sich die deutschen Leser seit Frühjahr dieses Jahres zunächst einmal mit dem ersten Band der oppulenten Romanserie – hierzulande erschienen unter dem Titel „Sterben“ – auseinandersetzen. Er bildet den Anfang der literarisch aufgearbeiteten Lebensgeschichte des Autors – und dreht sich, dem deutschen Titel durchaus gerecht werdend, in erster Linie um dessen Kindheit, allem voran um das problematische Verhältnis des Erzählers zu seinem Vater, das bis zu dessen Tod und darüber hinaus für ihn bestimmend bleibt.
Über 575 Seiten lang ist das Werk von den Selbstreflexionen des Autors geprägt, die ihn in verschiedenen Lebenssituationen als Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener zeigen und in denen er sich immer wieder zur von Selbstzweifeln gepeinigten Künstlerfigur im modernen Norwegen stilisiert. So bleibt der Roman jedoch – für den Leser nur phasenweise spannend, immer aber poetisch, teils sogar philosophisch wertvoll erzählt – ein ewiges Kreisen seiner Hauptfigur um sich selbst, ohne wirklich erkennbaren roten Faden oder Ziel.
Viel erfährt der Leser dabei von den persönlichen Hintergründen dieses literarischen Karl Ove Kanusgård, jedoch ganz ohne Bezüge zu gesellschaftlichen Situationen, sodass dieses biografische Romanprojekt auch ohne, dass man die fünf folgenden Bände gelesen haben muss schnell als ein Gigantismus literarischer Selbstdarstellung erscheint, über dessen Sinn und Mehrwert sich sicher streiten ließe. Auch scheint es angesichts dieser überaus oppolenten Selbstdarstellung nur sinnträchtig, dass Knausgard am vergangenen Wochenende, noch kurz vor Erscheinen des sechsten Bandes in Norwegen, seinen Rückzug aus der Literaturszene bekannt gab. Er wolle nach “Min kamp” nie wieder schreiben. Die Experten jedoch wagen nicht so recht, daran zu glauben. Hat es der Autor doch bislang immer glänzend verstanden, sich zur rechten Zeit ins rechte Licht zu rücken und so auch mit den Medien zu spielen.
Auch unter diesem Aspekt scheint der norwegische Originaltitel „Min kamp“, zu Deutsch: „Mein Kampf“ noch durchaus treffender für das selbstreflexive opus magnum Knausgårds, obgleich in Deutschland natürlich undenkbar, da ein Buch unter diesem Titel bereits auf dem roten Index der deutschsprachigen Publikationen steht. Wie bewusst oder unbewusst Knausgård die Assoziation zu Hitler war, darüber mag sich jeder Leser selbst seine Gedanken machen – eines steht jedoch fest: Auch er wird, um eine finale These zu dieser Frage finden zu können, zuvor von Seite zu Seite kämpfen müssen.
Die norwegische Antwort auf Stieg Larsson
“Hodejegerne”/”Headhunter”
Regie: Morten Tyldum nach einem Roman von Jo Nesbø; Genre: Thriller
Jo Nesbø gehört aus deutscher Sicht wohl zu den DEN norwegischen Krimiautoren schlechthin. Kaum ein nordischer Autor hat in Deutschland wohl so viele Romane veröffentlicht wie er. Packende, von der ersten bis zur letzten Zeile durchkomponierte Storys beschert Nesbø seinen Lesern zwischen zwei Buchdeckeln und liefert mit „Hodejegerne“ (in der deutschen Version: „Headhunter“) nun auch die Vorlage für Morten Tyldums rasanten Film-Thriller, der am 26.August 2011 in Norwegen bereits umjubelte Kinopremiere feierte.
Und so viel steht fest: Wer schon von der Millennium-Trilogie des Schweden Stieg Larsson angetan war, muss auch den norwegischen „Hodejegeren“ lieben. Denn in allerbester Stieg-Larsson-Manier entspinnt sich dabei auf der Leinwand Nesbøs durch und durch spannende Geschichte von dem Headhunter Roger Brown (sensationell gespielt von Aksel Hennie), dessen Schwäche für wertvolle Gemälde ihn schließlich selbst zum Gejagten werden lässt. Mehr muss zur Handlung vorab nicht gesagt werden, werden die Zuschauer in diesem Thriller doch von Anfang an mitten hinein in ein wahnsinnig fesselndes Kinoerlebnis gerissen, in dem es auch schon mal hart zur Sache gehen kann.
Regisseur Tyldum sowie die drei Drehbuchautoren Lars Gudmestad, Jo Nesbo und Ulf Ryberg sind mit diesem Streifen allen Regeln der Kunst gerecht geworden und bringen mit „Hodejegeren“ einen norwegischen Thriller mit Weltniveau auf die Leinwand, bei dem Dramaturgie und darstellerische Leistung sich zu einem absolut gelungenen Ganzen vereinen. Aksel Hennie, der 2008 schon als „Max Manus“ die internationalen Kinosäle eroberte, verleiht dem Kopfjäger Roger dabei überzeugend alle menschlichen Facetten von knallhart bis verletzlich. Und auch Julie Ølgaard kann als Rogers eher kühle Frau Diana überzeugen. In Deutschland wird der Film voraussichtlich ab dem 26. Januar 2012 in den Kinos zu sehen sein – ganz sicher wird auch die synchronisierte Version ein bewegener Kino-Thriller, dem sich niemand entreißen kann – die norwegische Antwort auf Stieg Larsson eben.
Großstadtjugend in einer globalisierten Welt
„Upperdog“ – Norwegen/Deutschland, 2009
Regie & Drehbuch: Sara Johnsen/Genre: Drama
Das Leben in einer globalisierten Welt kann schon verrückt sein. Da kommt das polnische Hausmädchen Maria (Agnieszka Grochowska) in das schicke, reiche Elternhaus von Axel (Hermann Sabado) am Osloer West-End und findet heraus, dass der schmucke Adoptivsohn einer wohlhabenden norwegischen Familie eine Halbschwester namens Yanne am anderen Ende der Großstadt hat. Witziger Weise ist Maria mit Yanne (Bang Chau) befreundet (die Welt ist eben doch klein) – und bringt nicht nur deren Gefühle ins Wanken, als sie sich in eine leidenschaftliche Liebschaft mit Axel stürzt. Komplettiert durch den norwegischen Studenten Per (Mads Sjøgård Pettersen), der Yannes Herz im Sturm erobert, als er zum ersten Mal in ihr asiatisches Restaurant kommt, entführt dieses ungleiche Quartett den Zuschauer schließlich in eine gefühlvolle Geschichte junger Lebensläufe inmitten des Osloer Großstadtdschungels – in dem alle vier Protagonisten ihren Alltag leben und dabei immer wieder mit Verletzungen aus der Vergangenheit zu kämpfen haben. Denn selbst Per, der als norwegischer Soldat in Afghanistan stationiert war, hat Erlebnisse aus dieser Zeit, die noch weit in die Gegenwart hinein ragen.
So lässt Drehbuchautorin und Regisseurin Sara Johnsen in ihrem fantastischen Film „Upperdog“ vier Lebensgeschichten aufeinander prallen, die verschiedener nicht sein könnten und dennoch auf wunderbare Weise miteinander verstrickt sind. Die wahre Größe ihres Films liegt vor allem darin, dass er nicht nur die verzwickte Liebesgeschichte zweier Paare zeigt, sondern (scheinbar nebenbei und doch ganz bewusst) auch Konflikte einer modernen, globalisierten Welt widerspiegelt. Gekonnt offenbart Johnsen versteckte Probleme in einem wohlhabenden Land, fragt implizit nach Heimat und Geborgenheit in einer globalisierten Welt, ganz ohne die Osloer Multikultur dabei auf plumpe Ausländer- oder Integrationsdebatten zu reduzieren. An keiner Stelle stellt sie die Staatszugehörigkeit der Protagonisten Yanne und Axel in Frage, wohl aber ihr persönliches Glück in einer durch äußere Umständen zerrissenen Familie. Ein grandioser Film, der fesselnd, spannend, lebendig und zugleich eine gefühlvolle Hommage an eine friedliche globale Welt ist, in der jeder Respekt vor dem anderen hat.
Linktipp: http://upperdog.no/
Norwegen-Schmonzette geht weiter
Neue Folgen von “Liebe am Fjord”
Aufatmen für alle Norwegenfreunde, die schmalzige Liebesfilme mit deutschen Schauspielern mögen: Die Norwegen-Reihe “Liebe am Fjord” wird fortgesetzt! Die Dreharbeiten zu weiteren dramatischen Herzschmerzgeschichten im Land der Fjorde laufen bereits. Gedreht wird derzeit im Westen Norwegens, unter anderem auf den Inseln vor Alesund und in der Sogneregion. Die bislang vierteilige Serie wird damit um zwei weitere Folgen ergänzt. Produziert werden die Filme von Studio Hamburg im Auftrag der Degeto. Ausgestrahlt werden sie in der ARD und den dritten Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Empfehlenswert sind diese Filme jedoch nur für Freunde schnulziger Unterhaltung – und allenfalls wegen der fantastischen Kulisse der norwegischen Fjordlandschaft.
In dem Melodram “Abschied von Hannah” übernimmt Matthias Habich die Hauptrolle. Er spielt den misanthropischen Literaten Henrik Agdestein, dessen Frau nach langer Krankheit stirbt. Zu seiner seelischen Unterstützung reisen die drei Kinder an: die herzensgute Lehrerin Sonja (Catherine Bode), die temperamentvolle Polizistin Laura (Fanny Staffa) und der ehrgeizige schwule Sohn Leif (Rainer Sellien). Mit seinem Sohn, der inzwischen Norwegens Justizminister ist, hat Henrik seit Jahren kein Wort mehr gesprochen, da er dessen Homosexualität nicht akzeptieren will. Nach der Beerdigung kommt es zu heftigen Gefühlsausbrüchen. Henrik wirft seine Kinder aus dem Haus. Diese bereiten dennoch ein hübsches Dorffest vor, um gemeinsam einen versöhnlichen Abschied von Hannah zu nehmen.
Im zweiten Film “Im Sog der Gezeiten” stehen Esther Schweins und Hendrik Duryn vor der Kamera. Esther Schweins übernimmt die Rolle der zielstrebigen Agnes Wallem, die kurz vor ihrem Karrieredurchbruch als Architektin steht: In einer Kleinstadt am tiefen Sognefjord soll sie das Gemeindehaus einer der schönsten Stabkirchen Norwegens neu gestalten. Kaum angekommen, trifft sie überraschend auf ihre Jugendliebe Kristian Storstein (Hendrik Duryn), der als Schiffsingenieur mit seiner Frau Luisa (Stephanie Japp) und der siebenjährigen Tochter in dem idyllischen Ort wohnt. Alte Gefühle flammen auf, doch auch Agnes ist in festen Händen. Ihr Freund Jonas Tjersland (Markus Knüfken) ist bereits auf der Anreise aus Oslo.
Der McCartney Norwegens
Thom Hell: „This is Thom Hell“
Thom Hell, geboren am 19. März 1976 in Kristiansand, ist in Norwegen längst ein Star. Vier vielgelobte Alben hat der (Pop-)Songschreiber in seiner Heimat bereits veröffentlicht und gibt mit seiner Best-of-Scheibe „This is Thom Hell“ (Record Release war in Norwegen am 27. Mai 2011) nun auch sein internationales Debut. Seine besten Titel von 2004 bis 2011 hat er darauf gebannt, darunter auch den nachdenklichen Song „Over you“, mit dem Hell Anfang des Jahres den ersten Preis beim norwegischen „Korslaget“ in seine Heimatstadt Kristiansand holte.
Das Album vereint auf wunderbar stimmige Art eingängige Songs mit langen experimentellen Instrumentalpassagen, in denen Hell (eigentlich Thomas Helland) vom Klavier bis hin zu E-Gitarre und Saxophon nahezu alle instrumentalen Mittel ausschöpft. So offenbaren viele der eigentlich unaufgeregten Popsongs musikalische Kunstkniffe und überraschende Wendungen, was letztlich jeden Titel zu einem kleinen Unikat jenseits vom blechernen Breitbandpop werden lässt, wobei – und das ist die eigentliche Stärke des Albums – Hells Handschrift durchweg als roter Faden erkennbar bleibt. Mal nachdenklich, mal optimistisch, schattiert er die angenehm fließenden Melodiebögen immer wieder mit anderen Stimmungsfetzen, die sich auch innerhalb eines Liedes weiter entwickeln. Dass die gefühlvollen, ruhigen und melodiösen Songs die norwegischen Kritiker trotz durchweg englischer Texte bereits überzeugt haben, kann da kaum verwundern – und Lob wird auch hierzulande nicht lange auf sich warten lassen. Auch eine Deutschlandtournee ist wohl schon angedacht, einen genauen Termin dafür gibt es aber derzeit noch nicht.
Fazit: Thom Hell ist ein weiterer Beweis dafür, dass Norwegen eine absolut starke Musikernation ist!
Linktipp: “Over You”- Video auf youtube
Unsere Gedanken sind in Oslo u. Utøya
Zeitung kommentiert Hurtigrute-Live
‘Valium-TV’ in der Dresdner Morgenpost
Es war für ein langes Wochenende DIE Sendung im norwegischen Fernsehen: Ganze fünf Tage konnten nicht nur die Zuschauer in Norwegen sondern via Internet auch die in aller Welt der berühmten Schiffslinie “Hurtigruten” auf ihrer Tour von Bergen nach Kirkenes folgen. Minute für Minute wurde die Fahrt im norwegischen Staatssender NRK 2 übertragen. Klar, dass die nationalstolzen Norweger da einschalteten und beobachteten, wie das Schiff “Nordnorge” an steilen Felsküsten, berühmten Häfen und winkenden Einwohnern vorbei schipperte. Die Sendung erzielte Traumquoten und zeitweise einen Marktanteil von 40 Prozent. Etwa 2,8 Millionen Zuschauer schalteten ein (zum Vergleich: Norwegen hat rund 4,5 Millionen Einwohner).
Hauptziel dieser einmaligen Sendung war es jedoch, das Interesse an der berühmten, aber touristisch zur Zeit etwas klammen Linie aus elf Schiffen zu wecken und weltweit neue Passagiere anzuwerben. Frei nach dem Motto, dass auch miese Kritik Werbung ist, scheint das auch funktioniert zu haben. So berichtete gar die Dresdner MORGENPOST über das norwegische TV-Spektakel. Unter der Schlagzeile “‘Valium TV’: Norweger schauen Fähre zu – 135 Stunden live” zogen die Journalisten den PR-Streich gut eineinhalb Wochen nach der Ausstrahlung im norwegischen Fernsehen gehörig durch den Kakao. Das einschläfernde TV-Ereignis sei weltweit unübertroffen und der Programmchef trotz hoher Einschaltquoten von Protestbriefen überschüttet worden. Dennoch, so wird Rune Møklebust vom NRK in der Zeitung zitiert, sei der TV-Törn wohl die preiswerteste Sendung gewesen, die der Sender je produziert habe.
Und trotzdem: Für Zuschauer, die Norwegen lieben, war die Liveübertragung über kurze Strecken wirklich bildschön und spannend anzusehen. Die norwegischen Einschaltquoten beweisen es.

